Stadtgeschichte Burgsteinfurt

Geschichtlicher Überblick

Burgsteinfurt tritt um 890 mit der Erwähnung der "villa seliun" (Sellen) erstmalig in die Geschichte ein. Sie war der Abtei Werden im heutigen Stadtgebiet von Essen abgabepflichtig. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um den Haupthof einer kleinen Ansiedlung, die sich eventuell an der Stelle des heutigen unteren Burghofes befand. Es ist aber auch möglich, dass er im Bereich der früheren Steintorfeldmark lag, wo 2001-2002 Ausgrabungen eine Siedlung mit Spuren aus dieser Zeit fanden. Im Anschluß an den Vorgängerbau der Großen Kirche entstand seit Anfang des 12. Jahrhunderts eine Siedlung, der heutige Stadtteil Friedhof. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts entwickelte sich um den am Zugang zur Burg gegelegenen Marktplatz die heutige Altstadt.

1129 werden in einer Urkunde erstmals zwei Edelherren "de Steinvorde" genannt. Hier taucht auch der Name Steinfurt das erste Mal auf. Das Geschlecht nannte sich nach seinem Sitz an der steinernen Furt in der Aa, die wohl an der Stelle der heutigen Kreuzung Wasserstraße/Europaring gewesen sein dürfte. Damit kontrollierten die Edelherren einen strategisch und wirtschaftlich wichtigen Punkt. Weit und breit gab es keinen anderen Weg, die Aa zu durchqueren.

Die drei Bauerschaften Hollich, Sellen und Veltrup wurden um 1190 zum Kirchspiel Steinfurt vereinigt mit der Großen Kirche als Pfarrkirche, die in diesen Jahren erweitert wurde. Etwa gleichzeitig ließen sich auf Veranlassung Rudolfs II. Mitglieder des Johanniter-Ordens in Steinfurt nieder. Sie errichteten 1244 auf dem Aahof an der Großen Kirche, der ihnen von den Edelherren zur Verfügung gestellt wurde, eine Kommende, die bald zu einer der größten Niederlassungen Norddeutschlands wurde.

Wegen bewiesener Treue und Unterstützung im Kampf gegen den Bischof erhielt Steinfurt 1347 vom Edelherrn das Stadtrecht verliehen. 1357 erkannte Kaiser Karl IV. die Reichsunmittelbarkeit der Grafschaft Steinfurt an, die von Münster jedoch kaum respektiert wurde. In den Jahren danach wurde die Stadt zunehmend befestigt. Mauer, Wälle und Gräben wurden angelegt oder verstärkt. Aus dem Jahr 1402 ist die erste Wachtrolle überliefert, eine Liste, die alle die Bürger und Einwohner aufführt, die die Befestigungsanlagen zu bewachen und instandzuhalten hatten. So mußte etwa im Winter von den Bewohnern der einzelnen Stadtteile abwechselnd das Eis auf dem Stadtgraben aufgehackt werden, um die Verteidigungsfähigkeit der Anlagen zu erhalten.

Eberwin von Götterswick übernahm 1421 das Erbe der Steinfurter Edlen, die mit Ludolf IV. im Mannesstamm ausgestorben waren. Er schenkte der Stadt die Scharne, d. i. eine offene Halle, in der die Fleischergilde gegen entsprechendes Entgelt ihre Waren feilhalten konnte, und die Stadtwaage. So erhielt die Stadt ihr erstes eigenes Gebäude und ihre ersten öffentlichen Einnahmen, die ihre Entwicklung zur Selbständigkeit erheblich förderten. Vermutlich war dies ein Geschenk zum Regierungsantritt Eberwins, der wohl kaum seinen Hauptsitz in Steinfurt gehabt hat, zumal ihm schon vorher auch die Grafschaft Bentheim zugefallen war. Es dürfte so im Interesse Eberwins gelegen haben, daß die Stadt eigene Einkünfte besaß und damit die Befestigungsanlagen verstärken und in seiner Abwesenheit die Verteidigung sicherstellen konnte.

1462 erwarb die Stadt von Eberwin II. auch noch die Grut, d. h. das Braurecht und das öffentliche Brauhaus, sowie das Recht zur Erhebung des Wegegeldes und der Bierakzise und damit weitere öffentliche Einnahmequellen. Die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit der Stadt führte dazu, daß seit etwa 1500 der vom Stadtherrn eingesetzte Richter durch jährlich zu wählende Schöffen und Ratsherren zunächst unterstützt, später mehr und mehr ersetzt wurde. Die zwei ältesten Schöffen wurden Bürgermeister genannt. Die Entwicklung der Stadt zur Selbständigkeit und Selbstverwaltung dokumentiert sich 1561 im Bau des Rathauses an der Stelle der Scharne.

Nachdem sich Graf Arnold II. 1544 der Augsburger Konfession angeschlossen hatte, traten sämtliche Steinfurter Prediger außer den Johannitern zum lutherischen Glauben über. Die Kommendemitglieder behaupteten noch lange Jahre den Besitz der Großen Kirche, während die Gemeinde des gesamten Kirchspiels sich mit der Kleinen Kirche in der Stadt begnügen mußte. Im Laufe der Zeit kam es darüber zu Auseinandersetzungen, bis am 25.1.1564 (sog. Steinfurter Reformationsfest) Graf Arnold III. und die lutherische Gemeinde sich gegen den Widerstand der Johanniter in den Besitz der Großen Kirche brachten. Die 1591 erfolgte Verlegung der 1588 durch Graf Arnold IV. in Schüttorf gegründeten Lateinschule nach Burgsteinfurt unter gleichzeitiger Erhebung zu einer kalvinistischen Akademie (Hohe Schule) erweist sich in der Folge als Glücksfall für die Stadt, die zumindest in den Blütezeiten der Schule davon auch wirtschaftlich profitierte.

Burgsteinfurt um 1623

Burgsteinfurt 1623

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts führten Zerwürfnisse zwischen der Stadt und dem Grafen Wilhelm Heinrich und ein vom Grafen niedergeschlagener Aufstand der Bürger im Jahr 1621 zu einem Vertrag, in dem der Graf seine Macht behauptete und die Stadt in vielen Punkten nachgeben mußte. 1623 griff der 30jährige Krieg auf Steinfurt über. Die Stadt wurde abwechselnd von münsterischen, hessischen und kaiserlichen Truppen eingenommen und schließlich im Juli 1635 nach der Eroberung durch die Kaiserlichen eine Woche erheblich geplündert. Am Ende des Krieges lebten nur noch wenige Menschen in der Stadt, nachdem 1636 auch noch die Pest ausgebrochen war und einen Großteil der Bevölkerung hingerafft hatte. 320 Häuser galten als "wüst", nur noch etwa 50 Menschen sollen in der Stadt gelebt haben. Viele Familien waren so verarmt, daß sie jahrelang nicht in der Lage waren, ihre Häuser wieder aufzubauen.

Regeneration und Wiederaufbau der Stadt hatten gerade erst begonnen, als 1660 der kriegerische Bischof Christoph Bernhard von Galen die Stadt unter einem Vorwand von seinen Truppen besetzen ließ und diese auch entgegen Anordnungen und Appellen des von Steinfurt angerufenen Reichskammergerichts nicht wieder zurückzog. Insgesamt mußte die Stadt daraufhin die Besatzung fast 60 Jahre ertragen und eine beträchtliche Garnison unterhalten, was die Schulden ständig anwachsen und kaum einen bürgerlichen Wohlstand entstehen ließ. 1673 drangen münsterische Truppen in die Große Kirche ein und erzwangen die Mitbenutzung für die Katholiken. Dieses Simultaneum dauerte bis 1724, als die neue katholische Kirche in Steinfurt fertiggestellt war. Die Besatzung fand 1720 ihren Abschluß, nachdem die Gräfin-Regentin Isabella Justina 1716 einen Vergleich mit Münster geschlossen hatte. Ab 1725 wurden daraufhin die äußeren Wälle in den Stadtgraben geschüttet und die Bürger erhielten das dadurch entstandene Gartenland als Entschädigung für die jahrelang ertragene Einquartierung.

Nach dem Regierungsantritt des Grafen Karl Paul Ernst 1751 gab es ständig Auseinandersetzungen zwischen der Stadt und dem Grafen, es folgten Beschwerdebriefe beim Kaiser und Prozesse beim Reichskammergericht. Als 1758 der Graf sogar den Stadtrat wegen angeblich schlechter Rechnungsführung absetzen ließ, protestierten die Bürger. Der Graf setzte darauf den Bürgermeister fest und ließ aus der münsterischen Garnison 150 französische Soldaten gegen die Bürger anrücken. Er berief eine von ihm abhängige Stadtkommission, die seine Interessen durchsetzte. Erst nach seinem Tod schloß sein Sohn Ludwig 1783 einen Vergleich mit der Stadt, der wieder zu Ratswahlen und Selbstverwaltung führte.

Die Wahl war indirekt, d.h. die abgeordneten Bürger bestimmten zunächst sieben Kurnoten (Kurgenossen), die dann ihrerseits den Bürgermeister wählten. Nach der Reformation blieb sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht den evangelischen Bürgern vorbehalten. Katholische und jüdische Einwohner besaßen keine politischen Rechte. Dies änderte sich erst 1807 mit der Einführung des Code Napoleon.

1806 marschierten die französischen Truppen in Steinfurt ein. Die Stadt kam zunächst an das Großherzogtum Berg, das Burgsteinfurt zum Sitz des Arrondissement Steinfurt und damit zum Verwaltungszentrum machte. 1810 fiel die Stadt an das französische Kaiserreich, 1816 marschierten schließlich die Preußen ein, die Burgsteinfurt als Sitz des neugegründeten Kreises Steinfurt bestimmten. Die preußische Städteordnung von 1831 wurde jedoch erst 1843 eingeführt.

Die Ansiedlung neuer Industrie-, Handels- und Handwerksbetriebe brachte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts neuen Aufschwung und wirtschaftlichen Fortschritt, so daß sich die Stadt ab 1851 über den ehemaligen Stadtmauerbereich ausdehnte. 1875 wurde Burgsteinfurt an die damals entstehende Eisenbahnlinie Münster-Gronau-Enschede angeschlossen und 1902 wurde die Eisenbahnlinie Burgsteinfurt-Ahaus-Borken gebaut, beides wichtige Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Die Stadt breitete sich dementsprechend vor allem in Richtung Bahnhof aus.

In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Enge und Wohnungsnot in der Stadt immer größer. 1933 gründete sich eine Siedlergemeinschaft, die in weitgehender Eigeninitiative die Arbeitersiedlung Friedenau im Westen der Stadt errichtete. Im 2. Weltkrieg erlitt die Stadt großen Schaden. Vor allem durch zwei Bombenangriffe kurz vor Ende des Krieges wurden noch fast 40 % der Altstadt zerstört. Im März 1945 wurde Burgsteinfurt von englischen Truppen besetzt und wurde dann eine Zeitlang Sitz der englischen Militärregierung.